Chewing and Spitting: Wenn Essen gekaut, aber nicht geschluckt wird

Über ein wenig bekanntes Essstörungsverhalten, Scham und den Wunsch nach Kontrolle.

Es gibt Essstörungsverhalten, über das nur selten gesprochen wird. Nicht unbedingt, weil es selten vorkommt, sondern weil es häufig im Verborgenen stattfindet und mit viel Scham verbunden ist. Chewing and Spitting, kurz CHSP, gehört dazu. Auf Deutsch bedeutet der Begriff Kauen und Ausspucken. Auf den ersten Blick mag das Verhalten wie ein vermeintlich harmloser Trick erscheinen, um bestimmte Lebensmittel genießen zu können, ohne sie tatsächlich zu essen. Für Betroffene kann daraus jedoch eine erhebliche psychische Belastung entstehen. In der 22. Folge meines Podcasts LebensKUNST: Essstörungen im Fokus widme ich mich diesem wenig bekannten Thema. Es geht darum, was Chewing and Spitting bedeutet, welche Funktion das Verhalten erfüllen kann, warum es so häufig mit Scham verbunden ist und weshalb es wichtig ist, darüber zu sprechen.
Was bedeutet Chewing and Spitting?
Chewing and Spitting beschreibt ein Essverhalten, bei dem Nahrung gekaut, aber nicht geschluckt wird. Der Geschmack des Lebensmittels wird wahrgenommen, anschließend wird der zerkleinerte Nahrungsbrei ausgespuckt. Häufig steht dahinter der Versuch, den Geschmack bestimmter Lebensmittel zu erleben, ohne die damit verbundene Kalorienaufnahme in Kauf nehmen zu müssen.
Betroffene beschreiben das Verhalten mitunter als einen inneren Kompromiss: Sie möchten etwas genießen, haben gleichzeitig aber Angst vor einer Gewichtszunahme. Sie sehnen sich nach bestimmten Lebensmitteln, erleben diese jedoch als verboten oder bedrohlich. Das Kauen und Ausspucken scheint zunächst eine Möglichkeit zu bieten, beide Seiten miteinander zu vereinbaren.
Besonders häufig betrifft das Lebensmittel, die sich Betroffene aufgrund ihrer Essstörung oder ihrer Ernährungsregeln nicht erlauben. Dazu können beispielsweise Schokolade, Kuchen, Chips oder andere Snacks gehören.
Was zunächst als einmaliger Versuch beginnt, kann sich mit der Zeit zu einem wiederkehrenden und schwer kontrollierbaren Verhalten entwickeln. Manche Betroffene berichten, dass der Drang immer stärker wird und sich das Verhalten zunehmend auf andere Lebensmittel und schließlich auch auf Hauptmahlzeiten ausweitet. Die kurzfristige Erleichterung wird dabei häufig von Schuldgefühlen, Scham oder einem Gefühl innerer Leere abgelöst.
Wenn der Wunsch nach Genuss mit der Angst vor Gewichtszunahme kollidiert
Um Chewing and Spitting zu verstehen, lohnt es sich, genauer hinzuschauen, welche inneren Konflikte damit verbunden sein können.
Einerseits besteht der Wunsch, ein bestimmtes Lebensmittel zu schmecken, Genuss zu erleben oder sich etwas zu erlauben, wonach man sich schon lange sehnt. Andererseits stehen möglicherweise ausgeprägte Ängste vor einer Gewichtszunahme, strenge Ernährungsregeln oder das Bedürfnis nach Kontrolle.
Das Verhalten kann kurzfristig das Gefühl vermitteln, einen Ausweg aus diesem Konflikt gefunden zu haben. Der Geschmack des Lebensmittels wird erlebt, während das Schlucken und die damit verbundene Kalorienaufnahme vermieden werden sollen.
Doch dieser vermeintliche Kompromiss kann den inneren Konflikt langfristig verstärken. Das Lebensmittel bleibt etwas, das zwar begehrt, aber nicht wirklich gegessen werden darf. Die Angst vor der Nahrungsaufnahme wird nicht unbedingt geringer. Gleichzeitig kann das Kauen und Ausspucken immer mehr Raum einnehmen und zunehmend schwerer zu unterbrechen sein.
Chewing and Spitting ist deshalb nicht einfach als eine ungewöhnliche Essgewohnheit zu verstehen. Es kann Ausdruck eines belastenden Zusammenspiels aus Essensregeln, Körperunzufriedenheit, Angst und dem Wunsch nach Kontrolle sein.
Welche Rolle spielen Essstörungen?
Chewing and Spitting wird im Zusammenhang mit unterschiedlichen Essstörungen beobachtet. Dazu zählen unter anderem Anorexia nervosa, Bulimia nervosa und die Binge-Eating-Störung. Das Verhalten kann bei unterschiedlichen diagnostischen Einordnungen auftreten und ist nicht auf ein einzelnes Störungsbild beschränkt.
In der Fachsprache wird es häufig den kompensatorischen Verhaltensweisen zugeordnet. Damit sind Verhaltensweisen gemeint, mit denen Betroffene versuchen, die Auswirkungen der Nahrungsaufnahme oder vermeintliche Folgen für ihr Gewicht zu verhindern oder auszugleichen.
Dabei kann Chewing and Spitting unterschiedliche Funktionen erfüllen. Manche Betroffene nutzen es zusätzlich zu anderen essstörungsspezifischen Verhaltensweisen, andere erleben es als eine Möglichkeit, auf bestimmte Lebensmittel zurückzugreifen, ohne sie schlucken zu müssen.
Häufig spielen dabei die Angst vor einer Gewichtszunahme, ein ausgeprägter Wunsch nach Schlankheit und Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper eine Rolle. Auch restriktives Essverhalten, Perfektionismus, ein geringes Selbstwertgefühl und emotionale Belastungen können mit dem Verhalten verbunden sein.
Wichtig ist dabei: Nicht jede Person, die kaut und ausspuckt, hat automatisch dieselbe Motivation oder dieselbe Diagnose. Um die Funktion des Verhaltens zu verstehen, muss die individuelle Situation betrachtet werden.
Warum wird so selten darüber gesprochen?
Chewing and Spitting findet häufig heimlich statt. Betroffene möchten möglicherweise nicht, dass andere davon erfahren, und versuchen, das Verhalten vor ihrem Umfeld zu verbergen. Nicht selten ist die Scham darüber so groß, dass sie auch in therapeutischen Gesprächen zunächst nicht angesprochen wird.
Gedanken wie „Das ist ekelhaft“, „Mit mir stimmt etwas nicht“ oder „Niemand darf davon erfahren“ können dazu führen, dass Betroffene sich zunehmend zurückziehen.
Diese Scham ist besonders belastend, weil sie den Zugang zu Unterstützung erschweren kann. Wer das eigene Verhalten als beschämend oder moralisch falsch bewertet, spricht möglicherweise noch weniger darüber. Dadurch bleibt ein Teil der Belastung für andere unsichtbar.
Hinzu kommt, dass Chewing and Spitting in der öffentlichen Wahrnehmung wenig bekannt ist und häufig nicht als ernstzunehmendes Essstörungsverhalten erkannt wird. Es wird nicht als eigenständige Diagnose geführt und kann im Rahmen unterschiedlicher Essstörungen auftreten.
Gerade deshalb ist es wichtig, das Thema verständlich und ohne Abwertung anzusprechen. Es geht nicht darum, ein Verhalten zu verharmlosen. Es geht darum, es ernst zu nehmen, ohne die betroffenen Menschen zusätzlich zu beschämen.
Welche Folgen kann Chewing and Spitting haben?
Auch wenn die Nahrung nicht geschluckt wird, bleibt das Verhalten für den Körper nicht folgenlos. Die Verdauung beginnt bereits im Mund. Durch das Kauen und den Kontakt mit Nahrung wird der Verdauungsprozess angestoßen, obwohl die Nahrung anschließend nicht in den Magen gelangt. Wiederholtes Kauen und Ausspucken kann mit körperlichen Beschwerden wie Magenschmerzen, Sodbrennen und Verdauungsproblemen verbunden sein. Auch Mundgeruch, Zahnfleischentzündungen und Zahnschäden können auftreten.
Neben den körperlichen Auswirkungen ist die psychische Belastung zentral. Viele Betroffene erleben einen ausgeprägten inneren Konflikt zwischen dem Wunsch nach bestimmten Lebensmitteln und der Angst vor dem Essen. Das Verhalten kann zunehmend zwanghaft erscheinen und immer mehr Aufmerksamkeit beanspruchen.
Wenn Essen zu etwas wird, das heimlich und unter großem innerem Druck stattfindet, kann sich das auch auf soziale Beziehungen auswirken. Gemeinsame Mahlzeiten werden möglicherweise vermieden, Essenssituationen lösen Anspannung aus und die Angst, entdeckt zu werden, kann den Alltag zusätzlich belasten.
Ein Verhalten, das zunächst Kontrolle vermitteln soll, kann so selbst zu etwas werden, das immer mehr Kontrolle über das eigene Leben gewinnt.
Was bedeutet das für die Behandlung?
Chewing and Spitting tritt häufig nicht isoliert auf. Deshalb ist es wichtig, nicht ausschließlich auf das sichtbare Verhalten zu schauen, sondern auch dessen Funktion und die damit verbundenen Belastungen zu verstehen.
In der therapeutischen Arbeit können unterschiedliche Themen relevant werden: der Umgang mit dem eigenen Körper, Ängste vor einer Gewichtszunahme, strenge Regeln rund ums Essen, Perfektionismus, Selbstwertprobleme, emotionale Regulation und Scham.
Dabei geht es auch um die Frage, welche kurzfristige Erleichterung das Verhalten ermöglicht und welche langfristigen Folgen damit verbunden sind. Was löst den Drang aus? Welche Gedanken und Gefühle treten auf? Welche Funktion erfüllt das Kauen und Ausspucken in diesem Moment? Und welche anderen Möglichkeiten könnten im Umgang mit diesen Belastungen entwickelt werden?
Da Chewing and Spitting eng mit unterschiedlichen Essstörungen verbunden sein kann, können etablierte essstörungsspezifische Behandlungsansätze, beispielsweise die kognitive Verhaltenstherapie, eine wichtige Rolle spielen. Eine ausschließlich auf Chewing and Spitting ausgerichtete spezifische Behandlung ist bislang nicht etabliert.
Entscheidend ist eine individuelle Betrachtung, die sowohl das konkrete Verhalten als auch die zugrunde liegenden Schwierigkeiten berücksichtigt. Je früher Betroffene Unterstützung erhalten und über das Verhalten sprechen können, desto eher kann verhindert werden, dass es sich weiter verfestigt.
Wie können Angehörige unterstützen?
Für Angehörige kann es schwierig sein, mitzubekommen oder zu vermuten, dass ein Mensch dieses Verhalten zeigt. Häufig besteht der Wunsch, unmittelbar einzugreifen, das Verhalten zu unterbinden oder die betroffene Person zum Essen zu bewegen.
Hilfreicher kann zunächst ein ruhiges, wertfreies Gespräch sein. Vorwürfe, Beschämung und verstärkte Kontrolle können dazu beitragen, dass sich Betroffene noch stärker zurückziehen. Stattdessen kann es entlastend sein, echtes Interesse zu zeigen, zuzuhören und deutlich zu machen, dass Unterstützung möglich ist.
Auch gemeinsame Mahlzeiten können hilfreich sein, wenn sie möglichst ohne zusätzlichen Druck gestaltet werden. Dabei geht es nicht darum, das Verhalten zu überwachen, sondern einen Umgang zu finden, der Sicherheit und Unterstützung vermittelt.
Eine wichtige Botschaft lautet: Du musst damit nicht allein bleiben.
Chewing and Spitting verstehen, statt zu bewerten
Chewing and Spitting ist kein harmloser Trick, um Kalorien zu vermeiden. Es kann ein belastendes Essstörungsverhalten sein, das sowohl körperliche als auch psychische Folgen mit sich bringt. Häufig ist es mit Ängsten, strengen Regeln, Scham und dem Wunsch nach Kontrolle verbunden.
Dass so wenig darüber gesprochen wird, macht es umso wichtiger, das Thema sichtbar zu machen. Denn Scham und Geheimhaltung können dazu führen, dass Menschen lange mit ihrem Verhalten allein bleiben und sich keine Unterstützung holen.
Wenn du selbst Chewing and Spitting kennst, bedeutet das nicht, dass du schwach bist oder versagt hast. Es bedeutet auch nicht, dass du dich dafür verurteilen musst. Es kann ein Hinweis darauf sein, dass du gerade mit erheblichen inneren Belastungen kämpfst und Unterstützung gebrauchen kannst.
Und wenn du jemanden kennst, der betroffen ist, kann ein offenes Gespräch ein erster Schritt sein. Nicht drängen, nicht kontrollieren und nicht beschämen, sondern zuhören und vermitteln, dass niemand mit diesen Gedanken und Gefühlen allein bleiben muss.
Verstehen statt bewerten bedeutet auch, hinter einem Verhalten die Belastung zu erkennen, die damit verbunden sein kann.
Die Podcastfolge zum Thema Chewing and Spitting
In Folge 22 meines Podcasts LebensKUNST: Essstörungen im Fokus spreche ich ausführlicher
über Chewing and Spitting, die möglichen Funktionen des Verhaltens, die damit verbundene Scham und die Bedeutung einer verständnisvollen Auseinandersetzung mit diesem Thema.
Der Podcast richtet sich an Menschen, die selbst von Essstörungen betroffen sind, an Angehörige und an Fachpersonen, die ihr Verständnis für unterschiedliche Erscheinungsformen von Essstörungen vertiefen möchten.


