Diabetes mellitus und Essstörungen: ein sensibles Zusammenspiel
- Katja De Mata, MSc, MA

- 7. Feb.
- 4 Min. Lesezeit

Diabetes mellitus ist eine chronische Erkrankung, die Betroffene jeden Tag fordert. Blutzucker messen, Insulin berechnen, Mahlzeiten planen, körperliche Aktivität berücksichtigen, all das erfordert Aufmerksamkeit, Disziplin und ein hohes Maß an Selbstkontrolle.
Für viele Menschen wird der Umgang mit Diabetes zu einem festen Bestandteil ihres Alltags.
Was jedoch weniger sichtbar ist: Gerade diese ständige Auseinandersetzung mit Essen, Gewicht und Stoffwechsel kann das Risiko für die Entwicklung einer Essstörung erhöhen.
Besonders junge Menschen mit Typ-1-Diabetes sind hier vulnerabel. Wenn der Wunsch nach Kontrolle, nach Schlankheit oder nach „Normalität“ auf die permanente medizinische Selbstüberwachung trifft, kann ein gefährlicher Kreislauf entstehen.
In diesem Beitrag geht es um genau dieses Zusammenspiel, um Risiken, Warnsignale und vor allem um die Frage, wie frühzeitig Hilfe möglich ist.
Typ 1 und Typ 2: ein kurzer Überblick
Um die Zusammenhänge besser zu verstehen, lohnt sich zunächst ein Blick auf die beiden Hauptformen des Diabetes.
Beim Typ-1-Diabetes handelt es sich um eine Autoimmunerkrankung. Der Körper produziert kein oder zu wenig Insulin – ein Hormon, das lebensnotwendig für den Zuckerstoffwechsel ist. Ohne Insulin kann Glukose nicht in die Zellen aufgenommen werden. Der Blutzuckerspiegel steigt an, während die Zellen gleichzeitig unterversorgt bleiben. Typ-1-Diabetes tritt meist im Kindes- oder Jugendalter auf und erfordert eine lebenslange Insulintherapie.
Der Typ-2-Diabetes ist deutlich häufiger und entsteht überwiegend durch eine Kombination aus genetischer Veranlagung und Lebensstilfaktoren. Hier ist Insulin zunächst ausreichend vorhanden, doch die Körperzellen reagieren nicht mehr sensibel darauf – man spricht von Insulinresistenz. Im Verlauf erschöpft sich die Insulinproduktion, und der Blutzuckerspiegel steigt dauerhaft an. Typ-2-Diabetes betrifft vor allem Erwachsene, tritt jedoch zunehmend auch bei jüngeren Menschen auf.
Beide Formen bringen unterschiedliche Herausforderungen mit sich, und beide können im Zusammenhang mit Essstörungen stehen.
Essstörungen und ihre Auswirkungen bei Diabetes
Essstörungen wie Anorexie, Bulimie oder Binge-Eating wirken sich direkt auf den Blutzuckerspiegel aus. Unregelmäßiges Essen, Essanfälle, Erbrechen oder das bewusste Weglassen von Insulin führen häufig zu instabilen Blutzuckerverläufen und erhöhten HbA1c-Werten.
Für Menschen mit Diabetes bedeutet das ein deutlich erhöhtes Risiko für akute Komplikationen – etwa eine diabetische Ketoazidose, eine schwere Stoffwechselentgleisung infolge von Insulinmangel. Dabei kann der Körper Glukose nicht mehr ausreichend verwerten und greift auf Fettreserven zurück, wodurch sich Ketonkörper ansammeln. Dieser Zustand ist medizinisch hochriskant und erfordert sofortige Behandlung.
Langfristig können wiederholte Blutzuckerschwankungen Organe, Gefäße, Nieren, Augen und Nerven schädigen. Deshalb ist es so wichtig, Essstörungen im Kontext von Diabetes frühzeitig zu erkennen und ganzheitlich zu behandeln.
Typ-1-Diabetes und Essstörungen
Interessanterweise zeigen Studien, dass Menschen mit Typ-1-Diabetes nicht häufiger an Anorexie oder Bulimie erkranken als Personen ohne Diabetes. Dennoch treten auffällige Essverhaltensmuster häufig nach der Diagnosestellung auf.
Gerade Jugendliche berichten zunehmend von einem gestörten Essverhalten im Laufe der Erkrankung. Während bei jüngeren Jugendlichen nur ein kleinerer Prozentsatz betroffen ist, steigt dieser Anteil im späteren Jugendalter deutlich an.
Ein besonders riskantes Verhalten im Zusammenhang mit Typ-1-Diabetes ist das sogenannte Insulin-Purging, manchmal auch als „Diabulimie“ bezeichnet. Dabei wird absichtlich zu wenig oder gar kein Insulin gespritzt, um Gewicht zu verlieren. Da überschüssiger Zucker über die Nieren ausgeschieden wird, kann es tatsächlich zu Gewichtsverlust kommen – allerdings um den Preis schwerer gesundheitlicher Folgen.
Kurzfristig drohen schwere Blutzuckerentgleisungen und Ketoazidosen. Langfristig steigt das Risiko für Folgeerkrankungen wie Nieren- oder Augenschäden oder das diabetische Fußsyndrom erheblich. Auch die Sterblichkeit ist bei diesem Verhalten deutlich erhöht.
Die Gründe für Insulin-Purging sind komplex. Manche Betroffene erleben es als schnelle Möglichkeit zur Gewichtskontrolle. Andere berichten von einem Gefühl der Macht oder Kontrolle. Gleichzeitig kann Insulintherapie mit Gewichtszunahme verbunden sein – was die Angst zusätzlich verstärkt. Hinzu kommen Erschöpfung durch die chronische Erkrankung und belastende Selbstbewertungen.
Gerade bei wiederholten Ketoazidosen oder unerklärlich hohen HbA1c-Werten sollte deshalb immer auch an ein mögliches gestörtes Essverhalten gedacht werden.
Typ-2-Diabetes und Binge-Eating
Beim Typ-2-Diabetes zeigt sich ein anderes Muster. Etwa die Hälfte der Betroffenen weist bereits vor der Diagnose ein auffälliges Essverhalten auf. Besonders häufig ist hier die Binge-Eating-Störung.
Mehr als 80 Prozent der Menschen mit Typ-2-Diabetes sind übergewichtig. Viele von ihnen berichten von wiederkehrenden Essanfällen – ohne kompensatorische Maßnahmen wie Erbrechen. Diese Anfälle gehen mit starkem Kontrollverlust, Scham und Schuldgefühlen einher.
Binge-Eating gilt nicht nur als mögliche Folge, sondern auch als Risikofaktor für die Entwicklung eines Typ-2-Diabetes. Essanfälle erhöhen Blutzuckerwerte, Blutdruck und Körpergewicht und können langfristig das Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen steigern.
Hinzu kommt der psychische Druck, sich permanent an Diät- oder Ernährungspläne halten zu müssen. Dieses Gefühl ständiger Kontrolle kann Essanfälle paradoxerweise verstärken – ein Teufelskreis entsteht.
Risikofaktoren: warum entsteht diese Verbindung?
Die Gründe für die Entstehung von Essstörungen bei Diabetes lassen sich grob in drei Bereiche einteilen:
Vorerfahrungen: Frühere Gewichtszunahmen, Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper, familiäre Kommentare zum Gewicht oder ein geringes Selbstwertgefühl erhöhen die Vulnerabilität.
Zeitpunkt der Diabetesdiagnose: Besonders in der Pubertät, wenn Körperveränderungen ohnehin emotional belastend sein können, steigt das Risiko.
Belastung durch die chronische Erkrankung: Die permanente Auseinandersetzung mit Essen und Blutzucker kann Heißhunger, Kontrollverlust oder Frustration verstärken. Auch Hypoglykämien können Essanfälle begünstigen und danach Schuldgefühle auslösen.
Depressionen und Angststörungen erhöhen das Risiko zusätzlich.
Frühzeitig erkennen, worauf sollte man achten?
Essstörungen bei Diabetes bleiben häufig lange unentdeckt. Betroffene schämen sich oder bestreiten ihr Verhalten.
Warnsignale können sein:
dauerhaft erhöhte HbA1c-Werte
wiederholte Ketoazidosen
häufige Hypoglykämien
unerklärliche Blutzuckerschwankungen
deutliche Gewichtsschwankungen
Vermeidung von Arztterminen
starke Fixierung auf Körper, Gewicht oder Nährwerte
Auch Verhaltensweisen wie sehr langsames Essen, Essrituale, Vermeidung gemeinsamer Mahlzeiten oder exzessive Bewegung können Hinweise sein.
Eine fundierte Diagnose sollte immer durch erfahrene Fachkräfte erfolgen, idealerweise mit Expertise sowohl im Bereich Essstörungen als auch Diabetologie.
Behandlung, ein interdisziplinärer Ansatz
Die Behandlung von Essstörungen bei Diabetes ist komplex und erfordert eine enge Zusammenarbeit verschiedener Fachrichtungen. Psychotherapie, Diabetologie, Ernährungstherapie und medizinische Betreuung greifen idealerweise ineinander.
Ziele sind unter anderem:
Stabilisierung des Essverhaltens
sichere und konsequente Insulintherapie
Abbau von Angst vor Gewichtszunahme
Entwicklung alternativer Strategien zur Emotionsregulation
Stärkung des Selbstwertgefühls
Moderne Technologien wie sensorgestützte Insulinpumpen können zusätzlich unterstützen, da sie flexiblere und physiologischere Verläufe ermöglichen.
In der Ernährungstherapie geht es darum, Mahlzeiten wieder an Hunger- und Sättigungssignalen auszurichten, nicht an starren Regeln. Schritt für Schritt wird eine stabilere Beziehung zum Essen aufgebaut.
Ein wichtiger Abschlussgedanke
Die Kombination aus Diabetes und Essstörung ist ernst, körperlich wie psychisch. Doch sie ist behandelbar.
Mit professioneller Begleitung, einem interdisziplinären Team und dem Mut, Unterstützung anzunehmen, können Betroffene wieder Stabilität gewinnen, nicht nur im Blutzucker, sondern auch im Umgang mit sich selbst.
Hilfe zu suchen ist kein Zeichen von Schwäche. Es ist ein Schritt in Richtung Selbstfürsorge und langfristiger Gesundheit.


