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Essstörungen verstehen!


Wenn ich mit Jugendlichen oder Erwachsenen arbeite, die von einer Essstörung betroffen sind, höre ich einen Satz immer wieder:

„Ich weiß gar nicht, wie das passieren konnte.“

Und genau deshalb ist es mir wichtig, hier einen Überblick zu geben.

Essstörungen sind komplexe psychische Erkrankungen. Sie entstehen nicht „einfach so“. Und sie sind auch kein Ausdruck von Eitelkeit oder fehlender Disziplin. Sie sind ernstzunehmende Erkrankungen, mit psychischen und körperlichen Folgen.


Falls du lieber zuhörst, anstatt selbst zu lesen, und noch ein paar mehr Informationen möchtest, dann schau gerne bei meinem Podcast vorbei.

LebensKunst: Essstörungen im Fokus



Was sind Essstörungen eigentlich?


Essstörungen sind Erkrankungen, bei denen sich Denken, Fühlen und Handeln zunehmend um Essen, Figur und Gewicht drehen. Das beginnt oft schleichend.

Aus „Ich will mich gesünder ernähren“ wird:

Was darf ich noch essen?

Wie viele Kalorien sind das?

War das zu viel?

Wie kann ich das wieder ausgleichen?


Irgendwann dreht sich innerlich fast alles nur noch darum.

Wichtig ist mir hier zu sagen: Nicht jede Diät ist eine Essstörung. Nicht jedes Abnehmen ist krankhaft. Aber wenn das Thema Essen immer mehr Raum einnimmt, wenn Flexibilität verloren geht und sich das Verhalten verfestigt, dann lohnt es sich, genauer hinzuschauen.



Die wichtigsten Formen von Essstörungen


Anorexia nervosa (Magersucht)

Bei der Magersucht kommt es zu einer starken Gewichtsabnahme bis hin zur lebensbedrohlichen Unterernährung. Obwohl Betroffene objektiv sehr dünn sind, erleben sie sich selbst oft als „zu dick“. In meiner Arbeit erlebe ich häufig junge Menschen, die unglaublich leistungsorientiert, strukturiert und diszipliniert sind. Kontrolle gibt ihnen Sicherheit. Und irgendwann richtet sich diese Kontrolle gegen das eigene Essen.


Das Tragische: Das Abnehmen fühlt sich anfangs oft gut an. Stark. Erfolgreich. Kontrolliert.Bis der Körper nicht mehr kann.


Bulimia nervosa (Ess-Brech-Sucht)

Hier wechseln sich Essanfälle mit Gegenmaßnahmen wie Erbrechen oder exzessivem Sport ab.

Viele Betroffene beschreiben einen inneren Druck, der sich beim Essen kurz löst. Danach kommen Scham, Schuld und Selbstvorwürfe. Ein Kreislauf entsteht, der unglaublich kräftezehrend ist.


Binge-Eating-Störung

Die Binge-Eating-Störung ist tatsächlich die häufigste Form.

Auch hier kommt es zu Essanfällen, allerdings ohne anschließendes Erbrechen oder kompensatorische Maßnahmen. Das Leiden ist groß, oft verbunden mit Selbstekel und sozialem Rückzug. Viele Betroffene sagen mir:


„Ich weiß genau, was ich da mache. Und ich kann trotzdem nicht aufhören.“

Und genau das zeigt: Es geht nicht um mangelnde Disziplin. Es geht um Regulation von Gefühlen.



Scham: das große Schweigen


Ein Thema, das mir besonders wichtig ist: Scham.

Viele meiner Patientinnen und Patienten wirken nach außen stabil, freundlich, leistungsfähig und

ganz wunderbar. Niemand würde vermuten, wie sehr sie innerlich kämpfen.

Sätze wie:


„Man sieht dir das gar nicht an.“

oder

„Dann iss halt einfach.“

tun weh.

Und sie verstärken das Schweigen.

Scham ist ein Gefühl, das wir Menschen kaum aushalten. Wenn es dauerhaft präsent ist, wird es enorm belastend. Viele denken: „Ich darf niemanden damit belasten.“ Und tragen alles allein.

Mir ist wichtig: Niemand ist schuld. Essstörungen sind keine bewusste Entscheidung.



Wie entstehen Essstörungen?


Ich sage in meiner Arbeit oft: Eine Essstörung ist wie ein Puzzle.Viele Teile müssen zusammenkommen.


Biologische Faktoren

Genetische Veranlagungen, hormonelle Veränderungen oder Veränderungen im Botenstoffsystem spielen eine Rolle. Aber: Eine Veranlagung allein macht noch keine Erkrankung.


Psychologische Faktoren

Perfektionismus, hoher Leistungsanspruch, starkes Kontrollbedürfnis oder auch Impulsivität können das Risiko erhöhen.


Lebensgeschichtliche Einflüsse

Druck in Schule oder Sport, Mobbing, Verluste, Gewalterfahrungen oder emotionale Vernachlässigung können belastend wirken. Kontrolle über das Essen kann dann zu einer Strategie werden, um mit Ohnmacht oder Unsicherheit umzugehen.


Gesellschaftlicher Einfluss

Schönheitsideale, Social Media, ständige Vergleichsmöglichkeiten, gerade Jugendliche sind hier besonders verletzlich. Auch wenn wir wissen, dass Bilder bearbeitet sind, wirkt die ständige Konfrontation. Oft beginnt es harmlos.Und wird Schritt für Schritt zwanghafter.




Woran erkenne ich, dass es kritisch wird?


Ein paar Fragen, die ich Betroffenen häufig stelle:

  • Drehen sich meine Gedanken ständig ums Essen?

  • Bin ich unflexibel geworden?

  • Vermeide ich gemeinsames Essen?

  • Verheimliche ich mein Essverhalten?

  • Ziehe ich mich zurück?

  • Fühle ich mich insgesamt unzufriedener oder gereizter?


Der Übergang ist fließend. Viele berichten, dass alles mit einer Diät begonnen hat. Und irgendwann war es keine bewusste Entscheidung mehr.

Wenn sich etwas „nicht mehr normal“ anfühlt, lohnt es sich, darüber zu sprechen.



Warum frühe Hilfe so wichtig ist


Essstörungen können schwerwiegende körperliche Folgen haben.

Bei Magersucht kann es zu Organproblemen, starkem Nährstoffmangel und einem deutlich erhöhten Sterberisiko kommen. Der Körper fährt in einen Mangelzustand, das Hungergefühl verschwindet teilweise, während die Angst vor Nahrung wächst.

Bei Bulimie können Zahnschäden, Speiseröhrenprobleme und Herz-Kreislauf-Störungen auftreten.

Und unabhängig von der Form: Der psychische Leidensdruck ist enorm.

Je früher Unterstützung erfolgt, desto besser sind die Chancen auf Genesung.

Ein erster Schritt kann der Hausarzt oder Kinderarzt sein. Diese können weitervermitteln. Und meine klare Haltung ist: Lieber einmal zu viel hinschauen als einmal zu wenig.



Zum Abschluss


Seit 2017 arbeite ich im Essstörungsbereich, überwiegend mit Jugendlichen. Und was ich immer wieder sehe: Hinter jeder Essstörung steht ein Mensch mit einer Geschichte. Mit Gefühlen, Bedürfnissen, Unsicherheiten und Stärken.

Essstörungen sind komplex. Aber sie sind behandelbar.


Wenn du selbst betroffen bist oder jemanden kennst, der kämpft: Du musst da nicht allein durch. Hilfe in Anspruch zu nehmen ist kein Zeichen von Schwäche, sondern von Mut.

Und manchmal beginnt Veränderung genau mit diesem ersten Schritt: Hinsehen.

 
 
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